Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe sagte einmal, das größte Vermächtnis, das Eltern ihren Kindern hinterlassen können, seien Wurzeln und Flügel – das bedeutet: sowohl die grundlegende und unersetzliche Zugehörigkeit zu einer Familie als auch die Fähigkeit, sich in die Welt hinauszuwagen. Diese doppelte Realität haben wir vor Kurzem bei dem Besuch einer Schülerinnengruppe von unserer Fuji-Schule in Sapporo, Japan, ganz konkret erlebt.
Die Fuji Mittel- und Oberschule wurde im Jahr 1925 von den ersten Schwestern unserer Kongregation gegründet, die 1920 nach Japan entsandt worden waren, um dem Bedarf an Bildung für Mädchen und junge Frauen gerecht zu werden. Seit ihrer Gründung vor mehr als hundert Jahren hat diese Einrichtung unzählige Frauen für das Familien- und Berufsleben ausgebildet, wobei der Schwerpunkt zunächst auf anmutiger und eleganter Weiblichkeit lag. Als Fortsetzung der Hundertjahrfeier der Schule im letzten Jahr durften wir am 18. März 2026 eine Gruppe von 19 Schülerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren in Thuine willkommen heißen. Sie wurden von zwei Lehrern begleitet: Herrn Neil McGinty und Frau Takako Yamashiro.
Unsere Besucher tauchten sofort in die Geschichte der Kongregation ein. Bereits am Nachmittag ihrer Ankunft besuchten sie die Gräber von Mutter M. Anselma, unserer Gründerin, und von Mutter M. Beda, der Generaloberin, die die ersten Schwestern nach Japan entsandt hatte. Im Mutterhaus besichtigten wir dann auch unsere Christ-König-Kirche, zwei Kapellen sowie unseren Geschichtsraum und das Missionsmuseum.
Die St.-Georgs-Kapelle, die von 1881 bis 1929 als Hauptkapelle diente, war für unsere Besucherinnen von besonderem Interesse, da hier die ersten nach Japan entsandten Schwestern ihre Aussendung feierten.
Die nächsten beiden Tage waren gut gefüllt mit Aktivitäten. Am 19. März verbrachten die Schülerinnen aus Sapporo einen ganz besonderen Vormittag mit den Schülern und Schülerinnen unserer Berufsschule. Die Lehrkräfte, Mitarbeiter und Schüler/-innen hatten unter der Leitung der Schulleiterin, Frau Nadine Mosler, ein besonderes Programm vorbereitet. Es gab Präsentationen und Workshops zu verschiedenen Themenbereichen. Der Vormittag schloss mit einer Andacht und einem gemeinsamen Mittagessen.

Mehr über dieses unvergessliche Ereignis können Sie gerne erfahren unter:
"Lebendiges Zeichen weltweiter Gemeinschaft", Beitrag im "Kirchenboten" am 25.03.2026
Am nächsten Tag machten wir uns von Thuine aus auf den Weg! Die Stadt Osnabrück war unsere erste Station, und der Besuch der St.-Petrus-Kathedrale war zweifellos der Höhepunkt unseres Ausflugs. Angesichts der Schönheit und Heiligkeit dieser Kirche – von der Kapelle des Allerheiligsten Sakramentes und dem Hauptkruzifix bis hin zum Taufbecken und den Gräbern der ehemaligen Bischöfe der Diözese – konnten unsere Besucher nicht umhin, den Glauben und die Tradition zu spüren, die unseren ersten Schwestern als Antrieb dienten. Von diesem Ort des Glaubens aus begab sich die Gruppe zum „Friedenssaal“ im Rathaus, wo 1648 einer der Friedensverträge unterzeichnet wurde, die den Dreißigjährigen Krieg beendeten.
Nach diesen beiden Einblicken in die allgemeine Geschichte von Kirche und Staat in Niedersachsen ging es für die Schulgruppe mit einem Besuch bei der Familie Rehme weiter zu einer ganz persönlichen Begegnung! Nach einem wunderbaren Mittagessen an der Franz-von-Assisi-Schule in Osnabrück und der Gelegenheit, Souvenirs zu kaufen, fuhren die Schülerinnen mit ihren Lehrern nach Ostercappeln, um einen Großneffen von Schwester M. Xavera Rehme zu besuchen, der uns zusammen mit Familie in seinem Haus willkommen hieß.
In der folgenden Stunde genossen wir die Gastfreundschaft dieser wunderbaren Familie. Während sie unsere Tassen mit Kaffee oder Tee füllten und die Teller mit Keksen beluden, holten sie ihre Fotos hervor und unterhielten uns mit Geschichten. Nachdem wir ein Gruppenfoto mit der Familie gemacht hatten, begleiteten uns Herr und Frau Rehme zur St.-Lambertus-Kirche, wo Schwester M. Xavera getauft worden war und wo die Familie noch immer den Gottesdienst besucht. Auf diese Weise beendeten unsere Besucher ihren Aufenthalt in Deutschland mit einer „persönlichen Begegnung“ und zwar mit einer Schwester, die nicht nur eine der ersten nach Japan entsandten Schwestern war, sondern auch die erste Schulleiterin unserer Fuji-Schule. So endete die 36-stündige Reise von Sapporo nach Norddeutschland mit der Entdeckung von etwas (oder in diesem Fall von jemandem) Vertrauten!
Als Goethe von Wurzeln und Flügeln sprach, war er weiser, als er ahnte, denn es handelt sich dabei tatsächlich um zwei Ausdrucksformen derselben Wirklichkeit – des Geheimnisses der Zugehörigkeit. Nur wer zu einer bestimmten Zeit, einem bestimmten Ort und einer bestimmten Gemeinschaft gehört, ist frei, dieses Geschenk an einem anderen Ort zu erleben. Eine der Schülerinnen aus Sapporo brachte dieses Erleben mit eleganter Schlichtheit zum Ausdruck. Auf die Frage, was ihr am Besuch der Berufsschule am meisten gefallen habe, sprach sie nicht vom Programm oder von den Projekten. Stattdessen antwortete sie: „Ich habe neue Freunde gefunden.“
